Im Zeitalter des Internets ist es immer leichter geworden, unsere Meinung über Filme, Serien und alles andere zu teilen und Plattformen wie Letterboxd basieren genau darauf. Absolut jeder kann seine Meinung teilen und das ist Fluch und Segen zugleich. Christopher Nolan, Regisseur von “Die Odyssee”, hat in einem Interview erklärt, was ihn an jenen Amateur-Kritikern stört. Für ihn gibt es inzwischen “eine sehr leicht zugängliche, moderne Erzählweise”, die zwar wichtig für Filme ist, doch von Amateur-Kritikern als unnötig empfunden wird.
Erkennbare Stilmittel entwerten keinen Film
Ein Interview mit Podcasterin Zhong Shu versetzt das Internet gerade in Aufruhr, da dem zweimaligen Oscar-Gewinner Christopher Nolan mehr als nur die üblichen Pressefragen gestellt werden. Stattdessen geht es viel um philosophische Fragen und die Filmbranche als Ganzes. Während das gesamte Interview sehr sehenswert und hörenswert ist, sind gerade Nolans Äußerungen über Letterboxd-Kritiker und Ähnliche sehr interessant.
“Die Kritik, die oft an Filmen im Allgemeinen geäußert wird, lautet: ‘Oh, die Figur muss sympathisch wirken, also wird sie auf verschiedene Weise manipuliert oder verändert’”, erklärt er. “Und das ist in gewisser Weise ein grundlegender Fehler der Filmkritik oder der Kritik am Geschichtenerzählen. Denn die Tatsache, dass man den Mechanismus erkennen kann, macht diesen Mechanismus nicht unwirksam. Und das ist ein echtes Problem in der heutigen Kritik.”
“Denn die Leute haben diese Vorstellung: ‘Da ich verstehen kann, warum mich die Geschichte so berührt, wie sie es tut, hat sie deshalb nicht funktioniert.’ So funktioniert das Erzählen von Geschichten aber nicht”, fährt Nolan fort. “Wenn wir also als Geschichtenerzähler eine Heldenfigur in einer Geschichte erschaffen, müssen wir die Energie berücksichtigen, die das Publikum in diese Geschichte einbringt, sowie die Wechselwirkung zwischen unserer Absicht und der Art und Weise, wie das Publikum diese aufnimmt. Und die Tatsache, dass dieser Mechanismus für die Menschen erkennbar ist, macht ihn nicht unwirksam.”
Hollywoods Filmsprache entwickelt sich weiter
“Man hat es also mit einer Lingua franca des Geschichtenerzählens zu tun, die Hollywood in den letzten hundert Jahren geschaffen hat und die praktisch universell ist. Es ist also eine eigene Sprache, und diese Sprache wird von Menschen auf der ganzen Welt verstanden und genau das ist das Unglaubliche daran.”
“Und es ist eine sehr, sehr zugängliche, moderne Sprache des Geschichtenerzählens, die bestimmte Regeln und Konventionen hat. Man kann diese Konventionen brechen. Man kann sie beugen. Man kann sie verschieben. Aber man muss sich ihrer die ganze Zeit bewusst sein.”
“Ich denke dabei eher an Kritik von Laien, denn sie glauben, den Mechanismus erkannt zu haben, und meinen, dass dies den Film entwertet. Das mag für bestimmte Elemente zutreffen, und die Filmgrammatik sowie die Filmsprache entwickeln sich entsprechend weiter”, schließt Nolan den Gedanken. “Wenn also ein Stilmittel dem Publikum zu vertraut wird, muss es geändert werden. Aber wir als Filmemacher bedienen uns eben dieser gemeinsamen Sprache. Wir bauen auf diesem Verständnis auf. Unser Publikum hat viele Filme gesehen und versteht diese Sprache.”
Nolans “Die Odyssee” wird derzeit heiß diskutiert und während er ein enormer Erfolg an den Kinokassen ist, der fast schon eine Milliarde Dollar eingespielt hat, hagelt es auch viel Kritik. Auch ich bin schon mehrfach in die Falle getappt, die Nolan hier beschreibt. Auch wenn dies keine Rechtfertigung für Stereotype und Klischees sowie überbeanspruchte Stilmittel ist, sollte man das nicht mit bloßem Wiedererkennen verwechseln. Am Ende sollen Filme uns schließlich berühren und unterhalten, statt nur analytisch zerlegt zu werden.

