DIE ODYSSEE: Matt Damon als vom Alter gezeichneter Odysseus mit dickem Rauschebart

Quelle: Universal Pictures / DIE ODYSSEE Trailer

„Die Odyssee“ in der Kritik: Der erste Nolan-Film seit „The Prestige“, der mich wirklich begeistert

Christopher Nolans Historien-Epos mit Matt Damon fesselt als zutiefst menschliche Charakterstudie. Das fantastische Finale rechtfertigt jede Schwäche im Mittelteil.

Foto des Autors

Von Ahmet Iscitürk

16.07.2026 - 17:54 Uhr

Hut ab vor Nolans Ehrgeiz und seinem Kino abseits der üblichen Massenverblödung. Lieben kann ich seine Filme trotzdem nur in Ausnahmefällen. Je größer und perfekter die Konstruktion, desto blasser erscheinen mir häufig die Figuren und desto weniger berühren mich ihre Geschichten. Giganten wie Inception, The Dark Knight, Interstellar, Dunkirk, Tenet und Oppenheimer sind handwerklich über jeden Zweifel erhaben, lassen mich emotional aber weitgehend ungerührt.

Was ist Die Odyssee?

Die Odysee ist Christopher Nolans Leinwand-Adaption des berühmten Homer-Epos. Der Film erzählt die Geschichte des Kriegshelden Odysseus (Matt Damon), der nach dem Fall Trojas auf seiner Heimreise nach Ithaka gegen Götter, mythische Monster und seine eigenen Traumata kämpft.

Anders verhält es sich mit Memento und The Prestige. In diesen Filmen dient die ausgeklügelte Konstruktion den Figuren, statt sie unter sich zu begraben. Genau dieser Zugang blieb mir selbst bei der Charakterstudie Oppenheimer verwehrt. Am Ende liegt es wahrscheinlich an mir. Schließlich spielen ausgerechnet jene Nolan-Filme das meiste Geld ein, mit denen ich am wenigsten anfangen kann.

Die Odyssee verändert dieses Verhältnis. Zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren bewundere ich nicht nur die Bilder, die Nolan auf die Leinwand bringt. Mich interessiert auch, was mit den Figuren geschieht. Odysseus kämpft gegen Zyklopen, Sirenen, Seeungeheuer und den Zorn der Götter. Gefährlicher als all diese Gegner ist auf Dauer jedoch das, was der Krieg aus ihm gemacht hat. Nolan erzählt Homers Epos als Geschichte eines Heimkehrers, der Troja zwar hinter sich gelassen hat, jeder neuen Situation aber weiterhin mit Misstrauen, Kalkül und der Bereitschaft zur Gewalt begegnet.

Antinoos setzt Odysseus‘ Sohn Telemachos gehörig unter Druck.
Quelle: Universal Pictures / DIE ODYSSEE Trailer

Matt Damon spielt den tragischen Helden, nicht die Legende

Odysseus gilt als klug, mutig und listenreich. So steht es seit fast drei Jahrtausenden in seiner Personalakte. Nolan interessiert sich stärker für die Folgen dieser Eigenschaften. Selbst in ruhigen Momenten beobachtet Odysseus seine Umgebung, als könne hinter jedem freundlichen Gesicht der nächste Hinterhalt warten. Nolan erklärt seine posttraumatische Belastung nicht mit langen Diagnosen. Sie steckt in Damons Blicken, seiner Haltung und seinen Entscheidungen. Dieser Odysseus ist klug, mutig, eitel, berechnend und moralisch flexibel, sobald ihm seine berühmte List einen Ausweg verspricht. Fast immer findet er eine Lösung. Nur müssen die Rechnung auffallend oft andere bezahlen.

Nolan wäscht ihn weder für ein modernes Publikum rein noch biegt er ihn nachträglich zum aufgeklärten Kriegsgegner zurecht. Damon spielt einen Mann, der Schreckliches getan und Schreckliches erlebt hat, ohne saubere Trennlinie dazwischen. Er wirkt, als hätte er seit Jahren zu wenig geschlafen und zu heftige Entscheidungen getroffen. Das hat wenig mit der üblichen, heroischen Sandalenfilm-Pose zu tun, ist aber ungleich interessanter. Genau diese Widersprüche machen ihn zu Nolans faszinierendster Hauptfigur seit Jahren. 

Bei Inception beeindruckte die Architektur der Träume mehr als die Figuren darin. Interstellar wollte Gefühle zur physikalischen Größe erheben. In Tenet führten die Charaktere einen Krieg gegen die chronologische Reihenfolge. Selbst Oppenheimer rückte seinem Protagonisten mit tonnenschwerer Bedeutung so unablässig auf die Pelle, dass kaum Raum blieb, ihm wirklich nahezukommen. Die Odyssee ist nicht weniger ausgeklügelt. Nur arbeitet die Konstruktion diesmal endlich für die Figur und nicht gegen sie.

Prädikat: Besonders spektakulär

Nolans Fetisch für reale Schauplätze, physische Bauten und analogen Film zahlt sich aus. Sein Trojanisches Pferd stand tatsächlich am Set. Schiffe, Paläste und Siedlungen existieren nicht nur als Datensätze auf einem Server, sondern besitzen Masse und sichtbare Gebrauchsspuren. Das klingt nach nerdiger Detailverliebtheit, macht auf der Leinwand aber einen gewaltigen Unterschied. Und zwar nicht nur für Freaks, die Filme mit der Lupe sezieren. Nolans Antike ist keine sterile Kulisse, die nachträglich mit digitalen Statisten und Staubpartikeln garniert wurde. Holz knarrt unter Belastung, Mauern wirken tatsächlich wehrhaft und Schiffe verdrängen echtes Wasser, statt wie schwerelose Computermodelle über „täuschend echte“ Pixelwellen zu gleiten.

Hoyte van Hoytemas Bilder zeigen eine staubige, raue Welt. Schon Nolans frühere Filme verdankten ihm einen erheblichen Teil ihrer visuellen Wucht. Auch in Die Odyssee verweigert er sich jeder kitschigen Antikenromantik. Was vor der Kamera steht, soll aussehen, als könnte man es anfassen, betreten oder sich daran verletzen.

Wer ist Hoyte van Hoytema?

Der niederländisch-schwedische Kameramann ist einer von Christopher Nolans engsten Weggefährten. Seit Interstellar (2014) prägt er die visuelle Wucht von Nolans Filmen und gewann für seine Arbeit an Oppenheimer sogar den Oscar für die beste Kamera.

Dasselbe gilt für die Ausstattung. Die Paläste wirken erfreulicherweise nicht wie sterile Hollywood-Kulissen, in denen kurz vor Drehbeginn noch jemand die Vasen zurechtgerückt hat. Das Leben ist hart, Reisen sind gefährlich, und selbst die prächtigste Luxusvilla der Antike bietet weniger Annehmlichkeiten als eine moderne Sozialwohnung.

Dieses Bild erinnert mich an den Song Die Hütte brennt von den Bierzelt Allstars.
Quelle: Universal Pictures / DIE ODYSSEE Trailer

Gerade die Szenen mit dem Trojanischen Pferd profitieren von dieser greifbaren Körperlichkeit. Nolan inszeniert den berühmten Geniestreich nicht als glanzvollen Triumph, sondern als tagelange klaustrophobische Zumutung. Die Soldaten kauern schwitzend in der stickigen Dunkelheit, verrichten dort ihre Notdurft und dürfen selbst dann keinen Laut von sich geben, als die Trojaner ihre Schwerter durch das Holz stoßen. Aus einer der berühmtesten Kriegslisten der Geschichte wird ein dreckiger, entwürdigender Überlebenskampf.

Auch die mythischen Wesen fügen sich nahtlos in diese unbarmherzige Welt. Zyklopen, Sirenen und Seeungeheuer sind bei Nolan keine bunten Fantasy-Kreaturen, sondern existenzielle Bedrohungen. Die Begegnung mit Polyphem gerät zum waschechten Horror. In seiner finsteren Höhle schrumpfen die gestandenen Krieger augenblicklich zu hilfloser Beute. Die Sirenen wiederum locken nicht mit Fleischeslust, sondern mit der ultimativen Versuchung für traumatisierte Veteranen: Frieden, bequemes Vergessen und das Ende jeder Verantwortung. Nach Jahren voller Krieg, Schuld und Verlust wirkt dieses Versprechen verführerischer als jede Aussicht auf Ruhm und Beute.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Natürlich setzt Nolan neben praktischen Effekten auch CGI ein, allerdings nur, um die Wirklichkeit vor der Kamera zu erweitern, nicht um sie zu ersetzen. Historisch akkurat mag das Ergebnis nicht in jedem Detail sein. Dafür wirkt es verdammt glaubhaft und erreicht genau das, woran viele moderne Großproduktionen scheitern: Die Illusion trägt. Man sieht keine Schauspieler, Statisten und Kulissen mehr, sondern taucht vollständig in diese Welt ein.

Nolan verzichtet darauf, die Mythologie durch vermeintlich rationale Erklärungen gesellschaftsfähig zu machen. Die Götter müssen keine außerirdischen Besucher sein. Der Zyklop benötigt keine seltene Wachstumsstörung und die Sirenen keine zoologisch belastbare Abstammung. Der Film akzeptiert das Unbegreifliche als Teil seiner Geschichte.

Come to Daddy

Doch ganz hält diese Illusion nicht. Manche Dialoge klingen so demonstrativ gegenwärtig, dass die Antike für einen Moment in sich zusammenfällt. Besonders dann, wenn Robert Pattinsons Figur allen Ernstes „Daddy“ sagt. Die Szene war bereits im Trailer zu sehen, und insgeheim hatte ich gehofft, Nolan würde sie für den fertigen Film noch ändern.

Ganz fair ist der Vorwurf allerdings nicht. Englisch ist in Homers Welt ohnehin ein Anachronismus, ganz gleich, ob es modern, gestelzt oder pseudoaltertümlich klingt. Und der feierliche Bühnenton alter Monumentalfilme hätte die Figuren schließlich nicht historischer wirken lassen, sondern nur musealer. 

Wer eine wortgetreue Verfilmung erwartet, dürfte mit Die Odyssee ohnehin Schwierigkeiten haben. Nolan kürzt, verschiebt Episoden, verändert Figuren und ordnet den Stoff seiner eigenen Idee unter. Kriegstrauma und Schuld interessieren ihn stärker als eine möglichst vollständige Bebilderung der Vorlage.

Charlize Theron bekommt als Nymphe Kalypso definitiv zu wenig Screentime.
Quelle: Universal Pictures / DIE ODYSSEE Trailer

Wie eng hält sich Nolan an Homer?

Nolan behandelt Homers Epos nicht wie einen heiligen Text. Er kürzt Stationen der Heimreise, ordnet Ereignisse neu und interessiert sich stärker für Kriegstrauma und moralische Schuld als für eine möglichst genaue Nacherzählung.

Damit kann ich gut leben. Ich habe unterschiedliche Adaptionen des Stoffes gesehen, und jede nahm sich Freiheiten. Genau darin liegt schließlich der Sinn einer neuen Fassung. Wie unterschiedlich das Ergebnis ausfallen kann, zeigt Uberto Pasolinis Rückkehr nach Ithaka (2024) mit Ralph Fiennes als Odysseus, Juliette Binoche als Penelope und Charlie Plummer als Telemachos.

Pasolini verzichtet fast vollständig auf Spektakel und erzählt stattdessen ein intimes, entmythologisiertes Charakterdrama. Ihn interessiert nicht, wie aus Odysseus eine Legende wurde, sondern was der Krieg von dem Menschen übrig gelassen hat. Nolan stellt im Grunde dieselbe Frage. Nur sucht er die Antwort nicht in der Reduktion, sondern im Monumentalen.

Penelope und Telemachos geben Odysseus ein Ziel

Matt Damon trägt den Film, doch Anne Hathaway und Tom Holland verhindern, dass seine Heimkehr nur ein geografisches Problem darstellt. Hathaways Penelope ist keine Frau, die zwanzig Jahre geduldig am Fenster steht und bedeutungsvoll aufs Meer schaut. Sie hält Ithaka zusammen und die Männer auf Distanz, die mit ihrer Hand zugleich den Thron fordern. Hathaway spielt sie mit kontrollierter Wachsamkeit. Jeder Satz kann Zugeständnis, Ablenkung oder Warnung sein. Penelope wartet nicht einfach auf Odysseus, sondern muss sicherstellen, dass keiner der machthungrigen Männer vor seiner Rückkehr die Kontrolle übernimmt.

Tom Hollands Telemachos kennt seinen Vater vor allem aus Erzählungen. Er soll dessen Platz einnehmen, ohne zu wissen, wie dieser Mann tatsächlich war. Für ihn ist Odysseus zugleich Vorbild, Fremder und eine Erwartung, an der er zwangsläufig scheitern muss. Holland spielt diese Unsicherheit ohne den üblichen Überschuss an jugendlichem Heldenmut. 

Damon, Hathaway und Holland geben dem Film sein emotionales Zentrum. Für jeden von ihnen bedeutet die Heimkehr etwas anderes. Odysseus will endlich zurück zu seiner Familie. Penelope wartet auf einen Mann, den Krieg und Irrfahrt verändert haben. Und Telemachos begegnet einem Vater, den er bisher nur aus Liedern und Geschichten kennt.

Telemachos sollte man nicht mit Tele-Machos wie Charles Bronson oder Chuck Norris verwechseln.
Quelle: Universal Pictures / DIE ODYSSEE Trailer

Ein großes Ensemble in erstaunlich kleinen Rollen

Umso deutlicher tritt Nolans alter Schwachpunkt zutage: Abseits von Penelope verkommen die Frauen zu bloßen Stichwortgeberinnen für Odysseus. Bei diesem hochkarätigen Cast grenzt das an Verschwendung. Charlize Theron, Lupita Nyong’o, Zendaya, Samantha Morton und Mia Goth spielen mythologische Schwergewichte, die locker eigene Filme tragen könnten. Unter Nolan schrumpfen sie zu funktionalen Boxenstopps auf der Heldenreise. 

Homers Altherren-Perspektive taugt hier nicht als Entschuldigung. Wer adaptiert, betreibt keine Denkmalpflege. Nolan kürzt Episoden, verschiebt Motive und baut Figuren radikal um, sobald es seiner Vision dient. Nur bei den Frauen endet dieser Wille zur Neuinterpretation erstaunlich früh.

Das ärgert umso mehr, weil die stärkeren Momente zeigen, was möglich gewesen wäre. Diese Figuren sind schließlich nicht uninteressant. Der Film gibt ihnen nur nicht genug Raum, um zu glänzen. Bei einem fast dreistündigen Epos ist das eine bemerkenswert schiefe Gewichtung. Dieser Einwand hat weniger mit Feminismus als mit Dramaturgie zu tun. Männliche Figuren ohne eigenes Profil wären genauso verschenkt.

Apropos Zeitmanagement: Während der Auftakt auf Ithaka sehr ausführlich geraten ist, rauschen einige legendäre Stationen der Heimreise wie im Zeitraffer vorbei. Manche Begegnungen entfalten echtes Drama. Andere wirken wie Fragmente längerer Szenen, die im Schneideraum auf das Nötigste zusammengestutzt wurden.

Nolan will Abenteuer, Psychodrama, Kriegsfilm und Familiensaga in einen einzigen Film pressen. Über weite Strecken gelingt ihm das überraschend gut. Aber eben nicht immer.

Penelope muss zwar keine Monster bekämpfen, doch leicht hat sie es auch nicht.
Quelle: Universal Pictures / DIE ODYSSEE Trailer

Die Odyssey – Fazit: 

Natürlich schleppt Die Odyssee all die typischen Nolan-Krankheiten mit sich herum. Das Pacing holpert stellenweise zwischen zäh und gehetzt, manche Dialoge ersticken in Erklärwut und ein erstklassiger weiblicher Cast wird sträflich unter Wert verkauft. Dazu dröhnt Ludwig Göranssons Score, der dem Publikum vorsichtshalber im Sekundentakt ins Gesicht schreit, wie verdammt bedeutungsschwer diese Szene gerade ist.

Und trotzdem ist das hier der erste Nolan-Film seit The Prestige, der mich wieder packt. Nicht, weil der Meister plötzlich Demut gelernt hätte. Er inszeniert immer noch so, als müsse er im Alleingang das Überleben des Kinos sichern. Aber diesmal passt sein unerträglicher Größenwahn perfekt zur Wucht der Vorlage.

Vor allem hat Nolan endlich wieder eine Hauptfigur, die nicht bloß als Zahnrad in einem erzählerischen Uhrwerk funktioniert. Sein Odysseus ist klug, heroisch, egoistisch, traumatisiert und manchmal ein echtes Arschloch. Mit einer genialen List trägt er entscheidend zum Fall Trojas bei, überlistet Monster und legt sich mit den Göttern an. Doch der Krieg lässt ihn nicht mehr los. Hinter seinen großen Taten stehen Tote, Schuld und die zunehmend unangenehme Frage, wie viel von seinem Leid er selbst verursacht hat.

Und selbst der Durchhänger in der Mitte ist vergessen, sobald Nolan zum Finale ansetzt. Ohne zu viel zu verraten: Für diese letzten 50 bis 60 Minuten würde ich mein Portemonnaie sofort noch einmal öffnen und mich freiwillig der schamlosen IMAX-Preispolitik ausliefern.