Das Marvel Cinematic Universe steckt in einer Krise und stolpert von einem Problem zum nächsten. Auch wenn Spider-Man: Brand New Day und auch Avengers: Doomsday sowie Endgame: Encore einen gewaltigen Hype erzeugen und die Kinokassen zum Klingen bringen, wird doch immer ersichtlicher, dass das MCU schon lange keinen Plan mehr verfolgt. Es gibt keine Vision mehr, wie bei der Infinity-Saga, die wenigstens größtenteils kohärent war. Bei keiner Figur wird das so deutlich, wie bei Bruce Banner und dem Hulk.
Das Marvel Cinematic Universe stolpert von Phase zu Phase
Aber rekapitulieren wir zunächst die Jahre seit Endgame. Das große Finale, das nicht nur den Abschluss der Infinity-Saga bedeutete, sondern auch den Abschied von Thanos und einigen Avengern der ersten Stunde. Anschließend sollte Kang als nächste Bedrohung aufgebaut werden, bis Marvel den Schauspieler Jonathan Majors nach dessen Verurteilung wegen Körperverletzung und Belästigung seiner Ex-Frau entließ. Während der Rauswurf alternativlos war, offenbarte die radikale Kurskorrektur die Anfälligkeit des Multiversums-Konzepts. Statt die Rolle schlicht neu zu besetzen, wie es bei anderen Figuren zuvor problemlos geschah, verwarf man den gesamten Aufbau und holte überstürzt Robert Downey Jr. als Doctor Doom zurück.
Ich will nicht so tun, als ob ich nicht auch auf Doomsday gespannt wäre und ich glaube auch, dass RDJ die Rolle wunderbar spielen wird, doch wirkt es eher wie ein Pflaster auf eine Fleischwunde zu kleben und durch einen bekannten und beliebten Bösewicht zu versuchen, die Ecke, in die man sich geschrieben hat, herauszukommen. Oder eher sie zu sprengen, denn Doctor Doom könnte durchaus dafür sorgen, dass das MCU ein Soft-Reboot bekommt.

Damit wäre auch das lästige Problem all der angefangenen und liegengelassenen Projekte gelöst. Denn Filme wie Eternals waren nicht gerade ein Erfolg und haben doch einige weitere Story-Stränge angeschlagen, die nie weiterverfolgt wurden. Während sich natürlich nicht jedes Projekt in eine größere Geschichte eingliedern muss, wirkt es doch einfach planlos, wie viele Erzählungen begonnen und mitten im Prozess beiseite geworfen wurden. Dass jeder im MCU sein eigenes Süppchen kocht und ein großes Ziel beziehungsweise ein Plan fehlt, merkt man meiner Meinung nach besonders bei Hulk.
Die gelungene Entwicklung von Bruce Banner bis Endgame
Bruce Banners Charakter-Arc war bis Endgame recht kohärent und logisch erzählt. Dass wir nie einen eigenen Film bekamen, liegt dabei an einem Rechtekonflikt mit Universal. Hulk ist einer der Charaktere, dessen Rechte nicht bei Disney liegen, ähnlich wie bei Sony und Spider-Man. Nur kam es hier nie zu einer Übereinkunft von Universal und Disney, sodass es nie einen eigenen Hulk-Film geben konnte. Entsprechend wurde seine Geschichte in den Filmen anderer Helden mit erzählt oder einfach auf die Avengers-Streifen ausgelagert.
Hier verfolgen wir zunächst Bruces Kampf mit Hulk und den verzweifelten Versuch, diesen zu unterdrücken. Im ersten Avengers erleben wir dann auch den ersten Erfolg, bei dem Hulk mit den anderen Superhelden Seite an Seite kämpft und seine Zerstörungswut auf einen gemeinsamen Feind konzentriert. Dies wird in Age of Ultron auch fortgesetzt, doch nach einem weiteren unkontrollierten Wutausbruch verlässt Hulk die Erde und lebt mehrere Jahre auf Sakaar, während Banner in ihm eingeschlossen bleibt. Thor findet ihn dabei in Ragnarök und hilft sogar Banner, wieder die Kontrolle zu übernehmen.
Auch wenn das natürlich die Beziehung zwischen Banner und Hulk belastet, arbeiten sie dennoch im Kampf gegen Hela zusammen und Hulk stellt sich sogar Thanos, der ihn jedoch ohne Probleme besiegt. Eingeschüchtert weigert Hulk sich erneut zu kämpfen, bis es Thanos gelingt seinen Plan umzusetzen und die Hälfte des Universums auszulöschen. Nach dem Zeitsprung sehen wir dann plötzlich Professor Hulk, der den Verstand Banners mit dem Körper des Hulks verbindet. Diese finale Akzeptanz und Verschmelzung beider Charaktere zu einem stellt somit einen logischen Abschluss seiner Geschichte dar.

Vom Meilenstein zur Beliebigkeit: Der Bruch nach “Endgame”
Und nun nähern wir uns der Phase, in der ein konkreter Plan fehlt. Denn zunächst sehen wir Banner in Shang-Chi und die Legende der zehn Ringe wieder. Hier tritt er in einer Post-Credit-Szene auf und ist wieder als menschlicher Bruce Banner zu sehen und nicht als Professor Hulk. Dabei ist Bruce immer noch gezeichnet vom Benutzen der Infinity-Steine und dem Zurückbringen der Hälfte des Universums. Die Szene legt nahe, dass Bruce jedoch zwischen seiner menschlichen und Prof. Hulk-Persona hin- und herwechseln kann.
Ein längeres Wiedersehen gibt es dann in She-Hulk, wo wir auch Bruces Cousine Jennifer Walters kennenlernen, die zur titelgebenden Heldin wird. Hier wird zwar gleichzeitig Bruces Trauma angesprochen, doch auch im selben Atemzug ins Lächerliche gezogen. Es wird jedoch vor allem gezeigt, dass Bruce seine Verwandlungen in den Hulk kontrollieren kann und Frieden mit seiner zerstörerischen Seite geschlossen hat.
Springen wir erneut ein paar Jahre in die Zukunft und plötzlich sehen wir Bruce Banner als Professor an einer Universität mit einem Inhibitor, der seine Verwandlung in den Hulk unterdrücken soll. So sehr ich Spider-Man: Brand New Day auch liebe, diese Änderung ergibt recht wenig Sinn und dient nur als Plot-Device, um Peter eine Idee zu geben, wie er seine Mutation kontrollieren kann und gleichzeitig einen coolen Kampf zwischen Spider-Man und Hulk zu ermöglichen.

Wie absurd das alles ist, wird am ehesten durch den Avengers: Endgame Encore-Cut verbildlicht. Denn während der Film die Verschmelzung von Bruce und Hulk zu einer Einheit zeigt, sehen wir in einer neuen End-Credit-Szene, wie Dr. Doom Bruce entführt. Dabei hören wir vor allem, wie Bruce erzählt, dass der Hulk nie wieder hinausgelangen darf und er ihn für immer unterdrücken wird.
Das MCU muss sich zwischen Großprojekt und Einzelgeschichte entscheiden
Spätestens hier zeigt sich, wie verloren das MCU an vielen Stellen ist. Vollständige Charakter-Arcs werden über Bord geworfen, um neue Erzählstränge zu ermöglichen, egal ob diese Entwicklung logisch erscheint oder nicht. Wer also seit über 15 Jahren gespannt die Geschichte von Bruce Banner, Steve Rogers, Tony Stark oder Thor verfolgt, wird unweigerlich enttäuscht. Thors Trauma wurde in eine Gag-Maschine verwandelt und Steves Ruhestand wird sofort rückgängig gemacht.
Die runde Geschichte von Hulk und Bruce Banner wird zurückgesetzt, um künstlich neue Gefahren zu erzeugen und viele Projekte wurden liegen gelassen und nie zu Ende geführt. Wie viele Post-Credit-Szenen haben das MCU wirklich vorangebracht oder Einblicke in kommende Filme oder Serien gegeben und wie viele sind einfach im Sande verlaufen?

Das MCU steckt in einer Krise und so langsam müssen Marvel und Disney sich fragen, ob sie in Zukunft eine zusammenhängende Geschichte erzählen wollen oder lieber kleine Einzelprojekte umsetzen wollen, die eigene Themengebiete erforschen wollen. Bisher scheint beides nur halbherzig zu funktionieren. Ein ähnliches Problem gibt es bei Star Wars, wo jede Geschichte unweigerlich in ein größeres Narrativ mit einfließt und nichts wirklich für sich stehen kann.
Es ist nun mal schlicht fraglich, wie viel noch auf dem Fundament des MCUs aufgebaut werden kann und wann es Zeit ist, die Fahrtrichtung zu ändern. Nicht jedes Marvel-Projekt muss eine größere Geschichte bedienen, doch braucht es einen klaren Plan, um dies zu strukturieren. Alles andere verspielt das Vertrauen des Publikums.

