Christopher Nolan inszeniert Die Odyssee (2026) als ultimativen Leinwand-Mythos: Mit gewaltigen Stürmen, monumentalen Welten und einem komplexen Odysseus bricht er die bekannten Grenzen des Epos auf. Neu ist nicht der Stoff, der Film und Fernsehen seit Jahrzehnten prägt, sondern die schiere, überwältigende Dimension seiner Umsetzung.
Warum heißt Odysseus manchmal Ulysses?
Ulysses ist die lateinische Form des griechischen Namens Odysseus. Deshalb trägt der Film mit Kirk Douglas im Original den Titel Ulysses, und George Clooneys Figur bei den Coen-Brüdern heißt Ulysses Everett McGill. Im Deutschen hat sich dagegen weitgehend die griechische Namensform durchgesetzt.
Die bisherigen Leinwand-Adaptionen könnten kaum unterschiedlicher sein. Während die einen versuchten, jede Station der Irrfahrt sklavisch abzuhaken, strichen andere Zyklopen, Sirenen und göttliche Interventionen komplett aus dem Drehbuch. Den radikalsten Ansatz wagten die Coen-Brüder: Sie verlegten das Epos ins Mississippi der 1930er-Jahre und bewiesen, dass Odysseus keine Rüstung braucht, solange sein Ego groß genug ist.
Die Fahrten des Odysseus (1954)
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Mehr InformationenZu den frühen Meilensteinen gehört Mario Camerinis Die Fahrten des Odysseus. Kirk Douglas drückt der Rolle seinen unnachahmlichen Stempel auf und gibt den klassischen Vorzeige-Abenteurer: physisch enorm präsent, felsenfest entschlossen und selbst im Angesicht des Todes absolut unfähig, an der eigenen Unfehlbarkeit zu zweifeln.
Der Film peitscht das Epos im Eiltempo durch: Irrfahrt, Circe, Polyphem und die Rückkehr nach Ithaka müssen in knapp zwei Stunden über die Leinwand gehen. Schauplätze und Gefahren wechseln im Minutentakt, was Raum für psychologischen Tiefgang im Keim erstickt. Macht aber nichts, denn diese Version will Homer vor allem als eines sehen: als unerschöpflichen Lieferanten spektakulärer Abenteuer.
Die Effekte mögen altbacken sein, aber der Film besitzt den herrlichen Vorwärtsdrang des alten Hollywood-Kinos. Die Marschroute ist herrlich geradlinig: Odysseus muss heim, der Zyklop blockiert den Weg, und mehr Erklärung braucht es für dieses Spektakel auch nicht.
Die Odyssee (1968)
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Mehr InformationenDie ursprünglich achtteilige europäische Fernsehproduktion Die Odyssee nimmt sich deutlich mehr Zeit. Bekim Fehmiu spielt Odysseus, Irene Papas ist als Penelope zu sehen. Die Inszenierung von Franco Rossi hält sich eng an die Struktur der Vorlage und behandelt auch Stationen, die kürzere Verfilmungen meist nur anreißen oder vollständig streichen.
Der Mehrteiler wirkt aus heutiger Sicht langsam und stellenweise spröde. Gerade diese Ruhe verleiht ihm jedoch einen eigenen Charakter. Landschaften, Rituale und Gespräche erhalten mehr Raum als in den meisten Kinofassungen. Die Welt erscheint nicht wie eine moderne Fantasykulisse, sondern wie ein karger Ort, an dem Menschen den Göttern ausgeliefert sind und trotzdem ständig versuchen, sie auszutricksen.
Für die berühmte Begegnung mit Polyphem wurde der italienische Horrorregisseur Mario Bava hinzugezogen. Die Sequenz gehört zu den eindrucksvollsten Teilen der Produktion. Insgesamt bleibt diese Odyssee jedoch weniger an einzelnen Schauwerten interessiert als an der vollständigen Reise. Wer Homer nicht nur als Monsterparade betrachtet, findet hier eine der umfassendsten Adaptionen.
Die Abenteuer des Odysseus (1997)
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Mehr InformationenAndrei Konchalovskys zweiteiliger Fernsehfilm Die Abenteuer des Odysseus versucht ebenfalls, einen großen Teil des Epos abzudecken. Armand Assante übernimmt die Hauptrolle, Greta Scacchi spielt Penelope. Zur Besetzung gehören außerdem Isabella Rossellini als Athene, Vanessa Williams als Kalypso und Christopher Lee als Seher Teiresias.
Mit einer Laufzeit von knapp drei Stunden besitzt die Produktion ausreichend Platz für Troja, die Irrfahrt und die Rückkehr nach Ithaka. Die damals aufwendigen Effekte wurden sogar mit einem Emmy ausgezeichnet. Zwei Jahrzehnte später wirken einige Kreaturen und Kulissen dennoch unverkennbar nach Fernsehproduktion.
Die Inszenierung setzt auf eine schnörkellose Erzählweise, neigt dabei aber manchmal dazu, die Stationen der Irrfahrt wie eine To-do-Liste abzuarbeiten. Für Einsteiger ist der Zweiteiler trotzdem ein Gewinn.
O Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odyssee (2000)
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Mehr InformationenJoel und Ethan Coen entfernen sich am weitesten von der antiken Vorlage und bleiben ihrer Struktur dennoch erstaunlich treu. O Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odyssee begleitet drei entflohene Strafgefangene durch den amerikanischen Süden der 1930er-Jahre. Ihr Anführer heißt Ulysses Everett McGill und wird von George Clooney gespielt.
Auf der Suche nach einem angeblich vergrabenen Schatz begegnet das Trio einem blinden Propheten, verführerischen Sängerinnen und einem einäugigen Bibelverkäufer. Die Parallelen zu Teiresias, den Sirenen und dem Zyklopen sind deutlich, ohne dass der Film zur bebilderten Literaturnachhilfe verkommt. Die Coens übernehmen Motive, Figuren und die Grundidee der Heimkehr, bauen daraus aber eine eigenständige Komödie über Aberglauben, Politik und amerikanische Mythen.
Entscheidend für diesen Geniestreich ist der Soundtrack. Getragen von Gospel, Blues und Folk marschiert die Story vorwärts und macht die Soggy Bottom Boys wider Willen zu Berühmtheiten. Der Film zeigt eindrucksvoll, wie eine kongeniale Adaption funktioniert: Er verzichtet auf das bloße Kopieren von Homers Epos. Statt den Mythos krampfhaft zu modernisieren, erschafft er ein eigenes Universum, in dem exakt dieselben menschlichen Abgründe und Macken perfekt überleben.
Odysseus – Macht. Intrige. Mythos. (2013)
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Mehr InformationenDie französisch-italienische Serie Odysseus – Macht. Intrige. Mythos. konzentriert sich zunächst auf jene Menschen, die auf Ithaka zurückgeblieben sind. Penelope wartet seit Jahren auf ihren Mann, Telemachos muss seinen Anspruch behaupten, und die Freier betrachten das herrscherlose Königreich zunehmend als Selbstbedienungsladen.
Damit macht die zwölfteilige Produktion aus Homers Epos vor allem ein politisches Drama. Die Irrfahrt spielt nur eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt stehen Machtkämpfe, Nachfolge und die Frage, was von einer Ehe übrig bleibt, wenn ein Partner zwei Jahrzehnte verschwunden war. Caterina Murino spielt Penelope, Niels Schneider ihren Sohn Telemachos und Alessio Boni den heimkehrenden Odysseus.
Seine Rückkehr löst die Konflikte nicht einfach auf. Der König kommt in eine Gesellschaft zurück, die sich während seiner Abwesenheit verändert hat. Auch Penelope ist nicht mehr dieselbe Frau, die er verlassen hatte. Die Serie erweitert den Stoff um neue Figuren und Handlungsstränge, bleibt aber bei einem zentralen Gedanken Homers: Nach Hause zu gelangen bedeutet nicht automatisch, wieder dort anzukommen.
Rückkehr nach Ithaka (2024)
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Mehr InformationenPasolini pfeift auf das große Effektspektakel und beginnt seine Erzählung kurz vor dem Finale der Odyssee. Die Verfilmung streicht das Übernatürliche komplett zusammen: Götter und Ungeheuer sucht man hier vergeblich. Übrig bleibt ein nacktes, psychologisches Drama um einen gebrochenen Heimkehrer. Odysseus ist kein strahlender Triumphator, sondern ein erschöpfter Kriegsheimkehrer, der vor den Trümmern seiner Existenz steht und um seine Identität kämpft.
Ralph Fiennes spielt diesen Odysseus mit einer körperlichen und seelischen Erschöpfung, die wenig mit dem üblichen Bild des siegreichen Helden gemein hat. Juliette Binoche verkörpert Penelope nicht als geduldig wartende Ehefrau, sondern als Löwin, die den Palast und ihren Sohn über Jahre gegen die Freier verteidigen musste. Charlie Plummers Telemachos kennt seinen Vater nur aus Erzählungen und reagiert entsprechend wenig begeistert auf dessen verspätete Rückkehr.
Der Film ist karg, langsam und bewusst unspektakulär. Seine Spannung entsteht aus Blicken, Schweigen und der Frage, was der Krieg aus Odysseus gemacht hat. Wo Nolan Homers Welt nach außen vergrößert, reduziert Pasolini sie auf die Folgen von Gewalt, Schuld und zwanzig Jahren Trennung. Beide Filme behandeln denselben Heimkehrer, doch sie könnten unterschiedlicher kaum sein.
Jede Epoche bekommt den Odysseus, den sie verdient
Jede Epoche bekommt ihren eigenen Odysseus. Weil sich Homers Mammutwerk unmöglich eins zu eins verfilmen lässt, setzt jeder Regisseur eigene Prioritäten. Das Spektrum reicht vom flotten Sandalen-Klamauk über die detailverliebte 1968er-Großproduktion bis hin zum massentauglichen TV-Event. Wo die Coen-Brüder eine uramerikanische Musikkomödie sahen, wühlte die Serie von 2013 im politischen Schlamm von Ithaka, während Rückkehr nach Ithaka das psychologische Wrack hinter der Heldenfassade untersuchte.
Christopher Nolan liefert mit seinem Werk nicht das finale Machtwort, sondern nur das nächste Kapitel. Homers Geschichte hat den Untergang von Imperien und das Zeitalter des 4:3-Fernsehens überlebt – sie ist schlicht zu groß, als dass ein einzelner Filmemacher sie jemals endgültig zu Grabe tragen könnte.

